Siegfried Pommerenke

Vorsitzender des DGB Landesbezirks Baden-Württemberg

Für ein soziales Leitbild der Informationsgesellschaft

Rede auf dem Workshop „Soziale Innovationen in der Informationsgesellschaft" am 11. November 1997 veranstaltet vom Sozialministerium Baden-Württemberg, der Medien- und Filmgesellschaft MFG, der Evangelischen Akademie Bad Boll, dem Forum Soziale Technikgestaltung/DGB und dem „Initiativkreis Soziale Innovationen in der Informationsgesellschaft", DGB-Haus Stuttgart (Es gilt das gesprochene Wort).

Sehr geehrter Herr Minister Vetter,

sehr geehrter Herr Schade,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe Mitglieder des ,Initiativkreises Soziale Innovationen in der Informationsgesellschaft',

mit großem Engagement und Ernsthaftigkeit hat sich der DGB Landesbezirk von Anfang an mit den Herausforderungen des Themas Informationsgesellschaft auseinandergesetzt. Sehr früh haben wir für uns erkannt, daß mit der Ausbreitung moderner Telekommunikationstechnik nicht nur ein neuer Rationalisierungsfaktor in Betrieben und Verwaltungen entsteht, sondern daß die Einführung von Multimedia-Anwendungen eine grundlegende Umwälzung der Arbeitswelt mit sich bringt.

Die Wirklichkeit der Arbeitswelt, unser Bild und unser Verständnis vom menschlichen Tätigsein wird einem geradezu revolutionären Wandel unterzogen. Die rasche Durchdringung der Arbeitsabläufe und der Fertigungsorganisation mit den Anwendungen der „Datenautobahn" stellen überkommene Sicherheiten in Frage. Das Anwachsen der Telearbeit und der Telekooperation tragen zur Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses bei. Mehr und mehr Formen der Selbständigkeit durchziehen die Wirtschaft. Experten sprechen von der Auswanderung von Beschäftigung aus den Betrieben. Die Tendenzen der „Entbetrieblichung der Arbeit" bedrohen Tarifvereinbarungen und den Flächentarifvertrag. Dieses Umbruchszenario in der Arbeitswelt wird verschärft durch die gewerkschaftliche Prognose, daß Multimediaanwendungen in einer ersten Phase zu einem weiteren deutlichen Verlust von Arbeitsplätzen führen und erst in einem zweiten Schritt mittelfristig zu einem Zuwachs neuer Beschäftigungschancen beitragen. Wir stecken mitten in einer tiefgreifenden Strukturkrise.

Der DGB Baden-Württemberg hat sich mit seinem Forum Soziale Technikgestaltung diesen Herausforderungen gestellt. Bereits im Oktober 1994 erklärten wir unsere Bereitschaft, im Rahmen einer regionalen Innovationspartnerschaft bei der Gestaltung der Informationsgesellschaft mitzuwirken. Wir warnten vor einer einseitigen Fixierung auf die Fernsehunterhaltung und hoben das Thema Arbeitswelt hervor. Im Frühjahr 1995 wurden von uns die bundesweit ersten gewerkschaftlichen Angebote auf dem Internet präsentiert. Kurz danach startete das bundesweit erste gewerkschaftliche Projekt zur Gestaltung der Multimediatechnik, das vom Forum Soziale Technikgestaltung in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, der Alcatel SEL Stiftung, der Hans-Böckler-Stiftung und den Unternehmen IBM, debis und Deutsche Telekom unter dem Titel „Datenautobahn Baden-Württemberg: Interessen und Chancen für Nutzer, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" geleitet wird. Ein wichtiges Ergebnis des Vorhabens war der Start des neuen gewerkschaftlichen Online-Dienstes TELEWISA, der zur Beratung und Unterstützung von Telearbeitenden entwickelt wurde. Der Leiter des Forum Soziale Technikgestaltung konnte die gewerkschaftliche Neuerung TELEWISA auf der CEBIT 1997 in Hannover vorstellen. Eine große Zahl von Tagungen, Vorträgen und Diskussionen des Forums haben die gewerkschaftliche Meinungsbildung zu Multimedia tief geprägt.

Für uns steht das Thema Informationsgesellschaft nicht primär für eine Technikdebatte oder eine Marktkontroverse. Wir sehen darin vor allem eine enorme soziale Herausforderung. Den Weg in die Informationsgesellschaft wollen wir fördern und unterstützen. Wir wollen mit Hilfe der neuen Techniken Arbeitsplätze sichern und neue schaffen. Aber wir betonen die Notwendigkeit eines sozialen Leitbildes für den Weg in die Informationsgesellschaft. Aus den gewerkschaftlichen Projekten konnten wir lernen, daß hinter dem Wort Multimedia auch die Gefahr einer neuen sozialen Spaltung der Gesellschaft liegt. Die Chance des Zugangs zur Technik und die Chance des Zugangs zum Erwerb der Nutzungsfertigkeitem und Nutzungsfähigkeiten wird faktisch darüber entscheiden, wer in Zukunft Zugang zum Arbeitsmarkt erhält. Ohne „Online-Kompetenz" ist die und der Einzelne benachteiligt. Der Abbau von Zugangsbarrieren und die Beseitigung von Hindernissen muß eine öffentliche Angelegenheit sein. Die Informationsgesellschaft ist keine Exklusiv-Veranstaltung für ewig jung bleibende, ständig dynamische Olympiasieger, die stets gesund und rund um die Uhr verfügbar sind. Die Rahmenbedingungen der Informationsgesellschaft müssen sich auch an den Bedürfnissen und Interessen von Menschen orientieren, die nicht immer voll leistungsfähig sein können, die krank oder in ihrem Leistungsvermögen beeinträchtigt sind, die kulturelle oder soziale Hindernisse überwinden müssen. Ich spreche von Langzeitarbeitslosen, Alleinerziehenden, Migranten, Senioren, von Menschen mit Behinderungen.

Für diese Menschen und für ein soziales Leitbild brauchen wir eine politische Lobby. Der „Initiativkreis Soziale Innovationen in der Informationsgesellschaft" stellt selbst eine sehr wertvolle soziale Innovation dar. Akteure aus unterschiedlichsten Bereichen wollen konstruktiv für ein gemeinsames Ziel eintreten. Das Projekt PIAZZA, das sich exemplarisch mit dem Abbau von Zugangsbarrieren befassen will, sollte ein zentrales Leitprojekt der Landesregierung und der Multimedia-Plattform sein.

PIAZZA fügt sich ein in eine neu zu führende Diskussion über Qualifikationsanforderungen. Auch deshalb wollen wir über das Forum Soziale Technikgestaltung einen Gesprächskreis zum Thema „Virtuelles Qualizierungszentrum" anstoßen, zu dem wir insbesondere Partner aus den Unternehmen, aus der Politik und der Forschung einladen. Das „Virtuelle Qualifizierungszentrum" sollte sich primär an Nutzerinnen und Nutzer wenden, die nicht über eine akademische Ausbildung verfügen.

Ein soziales Leitbild muß in seinem Kern den Gedanken des Schutzes der Benachteiligten und Schwächeren in der Gesellschaft mit dem Gedanken eines nach vorne weisenden Umbaus verbinden. Der Begriff „Soziale Innovation" ist nicht Ausdruck einer Abwehrhaltung und eines Festklammerns an der Vergangenheit. „Soziale Innovation" bedeutet die Weiterentwicklung sozialer Sicherung auf der Basis einer modernen Arbeitswelt. „Soziale Innovation" heißt auch: Aus Schwächen Stärken machen. Der Bedarf nach neuen sozialen Dienstleistungen kann neue Arbeitsplätze, neue Produkte und Ideen für den Umbau des Bestehenden erbringen. „Soziale Innovation" ist die zentrale Zukunftsachse der Informationsgesellschaft. An ihr sind gesellschaftliche Erfolge oder Rückschläge meßbar.

Ich würde mich freuen, wenn der heutige Tag als ein markanter Eckpunkt in der Innovationspolitik des Landes Baden-Württemberg auf dem Weg in die Informationsgesellschaft im Gedächtnis bleibt.




Stand 11.11.1997