Irene Scherer/ Gudrun Christ
Herausforderung Telearbeit Chancen für Frauen - Arbeitsgruppe 1: Chancen und Risiken der neuen Selbständigkeit" - 27. September 1997, Stuttgart
Thesen
1. Der Umbau zur Informationsgesellschaft führt zu Veränderungen in den Erwerbsprozessen und -strukturen.
Die Entwicklung der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft beruht technisch auf neuen weltweiten Vernetzungsmöglichkeiten, multimedialen Produkten mit Interaktivität und der Durchdringung aller Arbeits- und Lebensbereiche mit Informations- und Kommunikationstechnik. Im Erwerbsarbeitsbereich wird die Informationsgesellschaft von einer raum-zeitlichen Entkoppelung von Erwerbsarbeitsprozessen und -strukturen geprägt, d.h. Bindungen an Orte und zeitliche Vorgaben lassen deutlich nach. Dies führt zur Flexibilisierung der Erwerbsarbeit hinsichtlich der Arbeitsmenge, der Arbeitszeit und des Arbeitsortes.
2. Das Normalarbeitsverhältnis" löst sich auf und im Zuge der Auslagerung und Entbetrieblichung von Arbeit" nehmen Formen der selbständig/freiberuflichen Arbeit zu.
Flexibilisierungstendenzen der Arbeitsorganisation führen zu einer Erosion des Normalarbeitsverhältnisses bis hin zur Entbetrieblichung der Arbeit". Die Anzahl der Beschäftigten, die einer lebenslangen Vollzeiterwerbstätigkeit mit festen Arbeitszeiten und an einem Ort nachgehen, wird stetig zurückgehen.
3. Nicht mehr überwiegend Frauen, sondern zunehmend auch Männer erleben Brüche im Erwerbsverlauf die klassische Arbeitsteilung, die den Ernäherer und die zeitweise zuverdienende Familienfrau vorsah, wird dadurch in Frage gestellt.
Die Entbetrieblichung der Arbeit" führt für Männer und Frauen gleichermaßen vermehrt zu neuen Formen der Erwerbsarbeit in abhängig-selbständiger Tätigkeit bis hin zu selbständig-selbständiger Tätigkeit (oder Mischformen). Erwerbsarbeitsmodelle, die bislang vornehmlich für Frauen galten, Unterbrechung der Erwerbstätigkeit, Teilzeitarbeit werden zunehmend auch für Männer Gültigkeit haben. Diese Entwicklung hat auch Auswirkungen auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Die klassische Aufteilung des Familienernäherers mit lebenslanger Berufsbiographie" und der Familienversorgerin mit phasenweiser Berufstätigkeit" wird immer brüchiger.
4. Neben den Risiken (z.B. prekäre Arbeitsverhältnisse) eröffnet die Flexibilisierung Chancen, durch höhere Zeitsouveränität zur besseren Vereinbarkeit der Erwerbstätigkeit mit anderen Lebensbereichen (Familie, soziales, kulturelles und politisches Engagement) zu kommen.
Immer mehr Frauen realisieren heute ihre veränderten Lebensentwürfe. Für immer mehr Frauen ist Berufstätigkeit ein zentraler Bestandteil der eigenen Biographie (geworden). Gleichzeitig wollen sie auf ihre Tätigkeit in der Familie, im sozialen, kulturen und politischen Bereich nicht verzichten. Unter dem Primat des Normalarbeitsverhältnisses ist die Vereinbarung dieser Bereiche schwierig und verlangt bereits heute von Frauen eine hohe Flexibilitätsbereitschaft und organisatorisches Planen.
Die Flexibilisierungstendenzen beinhalten zahlreiche Chancen, aber auch Risiken für die individuelle berufliche und persönliche Lebensgestaltung. Insbesondere die mit dieser Entwicklung einhergehende Zeitsouveränität bietet vor allem Frauen (aber auch Männern), größere Möglichkeiten Berufs- und Reproduktionsarbeit zu vereinbaren.
5. Die Entwicklungen sind nicht einseitig technikgesteuert, sondern gestaltbar.
Informations- und Kommunikationstechnologien zeichnen sich durch eine große Gestaltungsoffenheit aus. Die Auswirkungen dieser Technologien auf die Beschäftigungssituation von Frauen und Männern sind nicht durch die Technik an sich bedingt, vielmehr durch ihre konkrete Ausformung und ihren spezifischen Einsatz im Unternehmen. Welche Arbeitsorganisation, gestützt auf eine bestimmte technische Ausgestaltung, gewählt wird, hängt immer von Einschätzungen, den erwünschten Erwartungen und den daraus folgenden Entscheidungen ab.
Die frauenspezifischen Chancen und Benachteiligungen, die beim Einsatz von IuK-Technologien entstehen, sind nicht grundsätzlich neu. Vielmehr berührt der Einsatz dieser Technik klassische gleichstellungsrelevante Bereiche. In der derzeitigen Entscheidungs- und Gestaltungsphase über den Einsatz der IuK-Technologien gilt es die Chancen für Frauen herauszuarbeiten und bei der Einführung der IuKTechniken zu verankern.
6. Frauen müssen ihre Stärken nutzen, Interessen herausarbeiten und verankern. Die neuen Anforderungen wie erhöhte Fähigkeit zur Selbstorganisation und Umgang mit parallelen Anforderungen kommen dem weiblichen Sozialisationsmuster entgegen.
Frauen haben eine lange Tradition im Umgang mit prekären Beschäftigungsverhältnissen und phasenweiser Lebensplanung. Dieser Umstand kann sich in der heutigen Umstrukturierungsphase als Vorteil erweisen. Die neuen Anforderungen wie erhöhte Fähigkeit zur Selbstorganisation, Umgang mit parallelen Anforderungen, Aneignung neuer Kenntnisse und Fertigkeiten kommen dem weiblichen Sozialisationsmuster entgegen.
Bereits heute zeigt sich, daß (hoch-)qualifizierte Frauen von den veränderten Arbeitsstrukturen profitieren. Unter den Selbständigen deuten im Moment die Prozesse darauf hin, daß qualifizierte Frauen über Einstiegsvorteile auf dem Arbeitsmarkt verfügen. Sie sind gut geschult, vielseitig und schneller. Andererseits sind schlecht qualifizierte Frauen beim Wandel der Arbeitswelt eher auf der Verliererseite. Entscheidend für diese Entwicklung ist, ob und wie Frauen Zugang zu Telekommunikationsanwendungen bekommen.
7. Die Veränderungen erfordern einen Umbau des sozialen Sicherungssystems und müssen sozial-, familien- und frauenpolitisch flankiert sein.
Die neuen Modelle der Erwerbsarbeit erfordern ein Umbau des sozialen Sicherungssystems. Insbesondere müssen Frauen verstärkt eine eigenständige soziale Sicherung erhalten.
8. Neue Unterstützungs- und Vernetzungsstrukturen müssen aufgebaut werden.
Es braucht neue Vernetzungsstrukturen / Regionale Zentren für Qualifizierung, Austausch und Vermittlung. Flankierende sozial-, familien und frauenpolitische Rahmenbedingungen sind erforderlich.